Khmer Ladys vor einer Karaoke Bar in der Karaoke Street 333.

Slapstick in der Karaoke Street, in der Karaoke

Teil 2 des satirischen Gastbeitrages “Slapstick in der Karaoke Street”.

Was für uns unwissende Barangs das gelegentliche Blutdruckmessen ist, ist für Khmer der regelmäßige Karma-Test, also die Frage: “Wie belastbar ist mein Buddha?”. Bei westlichen Teilzeit-Christen heißt die entsprechende Frage: “Wie schnell kann mein Schutzengel fliegen?”. Näheres hierzu im Teil 5 “Rückfahrt von der Karaoke”.

Zum Karma-Test kann aber bereits der Besuch der Karaoke geraten mit der Frage: “Bis zum wievielten Stout-Bier spielt mein Buddha mit?” Der hat zwar von Alkohol abgeraten, aber man kann’s ja mal probieren. Buddha ist da immer flexibel.

Gradmesser für den Karma-Test ist die Anzahl der geleerten Stout-Bier-Dosen. Ein europäischer Diplom-Alkoholiker würde seine leeren Dosen umgehend diskret von seinem Tisch verschwinden lassen. In der Khmer-Karaoke bleiben sie jedoch so lange stehen, bis der Tisch voll ist – oder der Konsument: Erstens als Statussymbol, frei nach dem Motto “seht alle her, wie viele von den teuren Dosen ich mir leisten kann – und wie viel ich vertrage!”, zweitens zum Zählen für die Bedienung, drittens für Buddha (zum Mitzählen bis zum Nichtbestehen des Karma-Tests).

Der Kollaps kommt manchmal bereits in der Karaoke, danach eher bei der Heimfahrt auf dem Moped – spätestens aber zu Hause, wenn die  Ehefrau zuschlägt. Immerhin hat der Gatte wieder mal sein Taschengeld versoffen. In Kambodscha verwaltet die Frau das Geld – oder sie glaubt es zumindest.

Der einfachere Khmer ist allenfalls Riel-Millionär, kann sich das teure Stout-Bier in Dosen nicht leisten. Also trinkt er Fassbier.
Dieses kommt in Jugs (Krügen zu 1,4 l) daher. Der deutsche Journalist Ludger Wimberg hat den  (Raum)-Inhalt von Jugs vor Zeugen empirisch nachgewiesen.

Jugs auf den Tischen sind das Markenzeichen der Proletarier. Deshalb bestelle ich immer nur Jugs – aus Solidität (oder wie heißt das Wort noch mal?).

In die Gläser kommen Eiswürfel, mit denen sich das Bier unendlich strecken lässt. Verwässern! In Bayern käme jeder Wirt für solchen Frevel sofort ins Gefängnis und wäre für immer geächtet.

Dabei ist Bier in der Karaoke recht preiswert (8.000 bis 10.000 Riel pro Jug = 2 bis 2,50 US $), bei hohem Unterhaltungswert. Dieser besteht aus Musik, Gesang (oder gesangsähnlichen Tönen) und gelegentlichem Khmer-Tanz. Hinzu kommt eine recht interaktive Kommunikation mit den jungen Beer Ladys (die ständig nachschenken, weil sie am Umsatz beteiligt sind) – und auch die Besucher verhalten sich uns unzivilisierten Europäern gegenüber sehr freundlich und respektvoll. Karaoke ist für sie eine Form von Kultur – und sie freuen sich, wenn mal ein Barang zu ihnen kommt. Oder mehrere, wie ich das gelegentlich für Leute mit starken Nerven veranstalte.

Sie prosten uns zu, verbeugen sich und lächeln dabei. Kürzlich ist ihnen ein Meisterstück gelungen – bei Manni aus Bottrop. Der ist ein anerkannter 24-Stunden-Miesepeter. Seine Mundwinkel zeigen permanent nach Süden. Binnen 4 Minuten haben es die Khmer-Jungs (und Mädels) geschafft, Manni’s Mundwinkel um 180 Grad nach oben zu ziehen. Er hat gelächelt, nach Mitternacht sogar gelacht! In einem deutschen Lokal wäre ihm das nicht passiert.

Jetzt geht’s los!

‘Laut’ ist kein ausreichendes Adjektiv für die Musik – und auch ‘Musik’ ist nicht das richtige Wort für das, was wir da gerade hören. Ein Amerikaner würde sofort an eine Schadensersatzklage in Millionenhöhe denken. In den USA bekäme er das Geld wegen physischer und psychischer Schäden problemlos zugesprochen.

Für uns bedeutet das: Hier sind wir richtig! Das ist so verrückt, dass es schon wieder Spaß macht. Vorausgesetzt, unsere Mindestentfernung von den Lautsprechern beträgt 5 Meter.

Besucher/innen aus Europa empfehle ich Ohropax, das nach dem vierten Jug entbehrlich wird. Bei Alkoholunverträglichkeit tut’s auch Valium. Letzteres hilft auch, die eigene Geschwindigkeit beim Tanzen auf Khmer-Niveau zu reduzieren. Der Khmer-Kreistanz, bei dem mehr mit den Händen als mit den Füßen getanzt wird, folgt nämlich der Geschwindigkeit der Kontinentaldrift.

Auf dem Bildschirm fließen Tränen, wie immer. Es wir viel geheult. Am Mikrofon heult ein junger Khmer den Text mit – rührend! Manchmal klingt es, als würde man eine Katze würgen – einfach nett.  Die Story auf dem Fernseher ist kurz, aber herz zerreißend, wie immer. Auf dem Boden unter dem Bildschirm suche ich unwillkürlich die Pfütze aus Tränen und unter den Lautsprechern das herausgeflossene Schmalz. Wer soll das alles aufwischen?

Immerhin: In seinem 3-Minuten-Song habe ich 2 korrekt gesungene Akkorde herausgehört. Das ist ein ordentlicher Wert. Es gibt Fälle, wo im Gesang des Täters keinerlei Übereinstimmungen mit dem Bildschirm-Song zu hören sind. Meist nach Mitternacht.

Die mathematisch/wissenschaftliche Formel zum Karaokegesang in Kambodscha lautet demnach:

Die Anzahl der korrekt gesungenen Akkorde steht in umgekehrt reziprokem Verhältnis zur Promillezahl.  Für Fachleute: (Anzahl korrekter Akkorde = a), demnach a ~ 1/C2H5 OH/1000. Die Promillezahl hingegen steigt linear mit der Uhrzeit. Für Nicht-Mathematiker: je später desto voller.

Jetzt geht das Mikrofon an eine junge Khmer-Lady (=Oun). Sie singt wie eine Nachtigall. Es ist erst 22 Uhr und sie ist nüchtern, womit sie meine oben genannten Formeln bestätigt: Sie trifft jeden Ton ganz genau – singt null falsche Akkorde. Die einzigen Tonfehler kommen von der Original-CD!

Fortsetzung folgt … ‘Die Karaoke-Lady’ oder ‘Der Bär darf erst nach Feierabend steppen’.

Posted in Sihanoukville.

9 Comments

  1. Gegendarstellung: Nach wütenden Anrufen von ortsänsässigen Mannis sehe ich mich zu einer Entschuldigung gezwungen. Der wahre Manni heisst Pitt und kommt aus Gelsenkirchen. Er ist ein seriöser Elektriker, Choleriker, Alkoholiker und Gelegenheits-Rassist. Jegliche negative Darstellung seiner Person entspräche nicht den Tatsachen und wäre Verleumdung.

    Die Behauptung, er sei ein ‘Miesepeter’ nehme ich hiermit mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns zurück und distanziere mich schärfstens davon!

  2. Sehr amüsant beschrieben. Bitte mehr davon. Bin bisher lediglich tagsüber durch diese Strasse gelaufen, das war anscheinend ein Fehler.
    Ob man da nachts auch alleine hingehen kann?

    Gruß aus Berlin und bis bald in Sihanoukville.
    Stephan

  3. Mal wieder ein sehr feiner Text!
    Bin 2007 mal durchgelaufen und habe mir das grinsen nicht abstellen können.
    Es wird mal wieder Zeit nach Sville zu reisen!

  4. Herrlicher Beitrag und ein danke schön.

    Zur Aufklärung hier nun die Wahrheit über den tatsächlichen Autor,

    Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Anruf mich früh am morgen erreichte. Schlaftrunken, der Kopf noch leicht vernebelt von einer exzessiven Nacht, hob ich ab. Eine mir bekannte Stimme, die ich in diesem Moment noch nicht identifizieren konnte, erklärte mir, daß er etwas zur Aufklärung „des Falles Herby“ beitragen könne. Er forderte mich auf, mich in einer Viertelstunde vor meine Haustür zu begeben und abzuwarten. Neugierig wie ich schon immer war entfloh ich, schneller als erwartet, meiner Schlafgelegenheit, ging ins Badezimmer und hielt mein leicht malträtiertes Haupt solange unter die Dusche bis ich das Gefühl hatte einigermaßen fit zu sein. So frisch gemacht, mit einer Fluppe in den Mundwinkeln, wartete ich das Geschehen ab.
    Nach kurzer Zeit erschien, ein mir gut bekannter Hubschrauber des Verteidungsministers, seiner Exzellenz General Tea Banh, am Himmel. Schon öfters hatte ich das Vergnügen meine Zeit mit ihm zu verbringen und diverse strategische Masterpläne zu studieren. “Hier geht es wohl um alles” dachte ich mir. Nach der Landung entstiegen 2 hagere Gestalten dem Helikopter die durch ihr vom Leben gezeichnetes Gesicht stark an Keith Richards und Mick Jagger erinnerten. Beide trugen blau und rot gepunktete Anzüge und waren als meine Bodyguards abgestellt. Bei genauerem Betrachten ihrer Bekleidung entpuppten sich die Punkte als frische Farbflecken von Paintballpistolen die sie zu meinem Schutz mit sich trugen und wohl während des Fluges getestet hatten. Ab ging es Richtung Phnom Penh. Der Pilot sang ununterbrochen und lautstark „Sky pilot“ und hatte ein Gesicht wie Eric Burdon in jungen Jahren.
    Irgendwo in Kampong Speu endete der Flug. Auf einem riesengroßen Areal stand eine nicht minder kleine Villa. Sofort kam unterschiedliches Personal das mich freundlich in Empfang nahm und mir alle Wünsche von den Augen abließ. Der Empfangssaal war bestückt mit Karaokebildschirmen auf denen abwechselnd Roland Kaiser und Hans Albers Lieder abgespielt wurden, welches mich natürlich zum mitsingen animierte. Der eine oder andere Ton war doch recht gut getroffen und es floss jede Menge Bier. So schon etwas angeschickert zündete ich mir eine Zigarette an, als eine Vorzimmerdame, aussehend wie Vicky Leandros auf mich zukam und mich anlächelte. Mein Gesicht spiegelte sich in ihren schwarzen Pupillen. Woraufhin ich sagte: „Ich schau dir in die Augen Kleines.“ Es war mal wieder einer dieser Fehler die man in Gegenwart einer Dame nicht so oft tun sollte. Ihre perlweißen Zähne blitzten gefährlich. „Pech gehabt“ war ihre Antwort und im Nu waren meine Augen verbunden. So, ohne jede Sicht wurde ich in einen anderen Raum geführt. Auf einem Stuhl sitzend wurde mir die Augenbinde abgenommen. Ich blickte in eine grelle Lampe, ansonsten war das Zimmer dunkel. Nach einiger Zeit konnte ich schemenhaft eine männliche Person erkennen die bekleidet war mit großer dunkler Sonnenbrille und Hut. „Hey Alter“ sprach er. Es war die Telefonstimme und sofort wußte ich wem ich sie zuzuordnen hatte. „Hey Alter, nur damit eines mal klar ist. Ich bin der anonyme Autor, nicht Herby. Hast du das gecheckt.“ Etwas eingeschüchtert antwortete ich. „Klaro,klaro, Bruder, hatte nie Zweifel daran.“ Daraufhin zückte er den ultimativen Beweis. „Schau dir das zuhause an“. Er drückte mir einen USB-Stick in die Hand und verließ mich.
    Mit dem Sonderzug zu Hause angekommen stellte ich sofort den Laptop an, steckte den USB-stick rein und es war mir sofort klar, das kann mit Herby nichts zu tun haben. Das ist so klar das es jeder einsehen muß. Das passt zu ihm einfach nicht.
    Hier der Beweis:

    https://www.youtube.com/watch?v=u8_a5pauAKc

  5. Herrlich und treffend beschrieben 🙂 Köstlich gelacht – bitte mehr davon!

    @Stephan
    Kein Problem dort alleine hinzugehen, gibt schlimmere Ecken in SHV.

  6. Mein letzter Besuch in einer Karaoke in der 333. Ich: “How old are you?”. Sie: 50 Dollar.

  7. @nobyx: Danke für den Hinweis! Ich bin halt in Sachen Musik nur Verbraucher und Du der Spezialist für anspruchsvolle Musik. Einigen wir uns auf ‘falsche Töne’. Falsche Akkorde kommen aber doch vor – und zwar von der Original-CD…gar nicht so selten.
    Manchmal singen sie auch zu zweit, mit 2 Mikrofonen.

    Wie dem auch sei: Den Ohren tut’s nicht gut! 🙂

  8. @nobyx. Gerade fällt mir noch ein: Klar solltest Du Dir das mal anhören! Schon vor Wochen hab’ ich Dich eingeladen zum betreuten, kollektiven Zuhören, Mitsingen und Biertrinken in ‘meiner’ Karaoke. Mitzubringen sind starke Nerven und ein guter Durst 🙂

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