Junger Khmer mit Karaoke Lady.

Slapstick in der Karaoke Street, jetzt darf der Bär steppen

Teil 4 des satirischen Gastbeitrages “Slapstick in der Karaoke Street”, dieses Mal: Feierabend – jetzt darf der Bär steppen

Vorbemerkung:
Ich heiße nicht Harald Juhnke. Deshalb ist es mir auch in vielen Jahren nicht gelungen, alle Karaoke-Läden in der 333 Street einzeln zu testen. Die nachstehend geschilderten jugendgefährdenden Aktivitäten können durchaus unterschiedlich ablaufen – und auch das zahlenmäßige Verhältnis zwischen tugendhaften Ladys und begrenzt Tugendhaften kann von Laden zu Laden unterschiedlich sein.

Daher gilt: Es gibt solche und solche. Im geschilderten Fall sind es sowohl solche als auch solche. Die Geschichte ist also nicht zwingend repräsentativ für alle Karaoke-Läden in dieser Straße, sondern allenfalls für meine 84 Stammlokale.

Warnung! Diese Folge ist für Jugendliche unter 18 Jahren nicht geeignet!

Gegen Feierabend geht die Zahl der richtig gesungenen Akkorde gegen null, weil die durchschnittliche Promillezahl gegen 3,0 geht. Die mathematische Formel hierfür war bereits in Teil 2 zu lesen.

Nun kommt eine weitere Gesetzmäßigkeit hinzu: je falscher desto lauter.

Wenn also die Zahl der richtigen Akkorde gleich null ist, muss die Dezibelzahl gemäß der Formel gegen unendlich gehen. Bei 130 Dezibel wird die Lautstärke jedoch automatisch abgeriegelt, weil die lächerlichen 3.000 Watt der Anlage nicht mehr hergeben.

Hier stößt die Formel “Je falscher desto lauter” an ihre technische Grenze – die letzte Rettung für die Anwohner im 3-Kilometer-Umkreis.

Gleich ist Feierabend. Wir repetieren deshalb nun die chronologische Abfolge der gelernten Karaoke-Regeln und Gesetzmäßigkeiten, meine Tastatur gibt die korrekte Wiedergabe der wissenschaftlich/mathematischen Formeln hierzu leider nur eingeschränkt her. Interessierte mögen die Formeln selbst herleiten – Sekundarstufe Gymnasium genügt:

  • Je früher desto besser – (Musik)
  • Je später desto voller – (Gast)
  • Je voller desto schlechter – (Relation Gast / Musik)
  • Je schlechter desto lauter – (Relation Musik / Musik)

Immerhin wissen wir jetzt, aufgrund welcher Gesetzmäßigkeiten unsere Ohren klingeln. Das “Experiment Karaoke” hat tief greifende Erkenntnisse gebracht. Dabei geht’s jetzt erst richtig zur Sache!

Achtung: Jugendschutz!
Ich bin mindestens 18 und darf weiter lesen.
Ich bin unter 18 und werde die Seite umgehend verlassen.
(Meine zutreffende Erklärung habe ich mit Kugelschreiber am Bildschirm angekreuzt)

Der Feierabend kommt, die Gäste gehen – oder sie versuchen es wenigstens. Besser hieße es Schleichen, Taumeln, Krabbeln oder Kriechen. Nur die Glückseligen schweben. Die einen sind betrunken, die anderen besoffen – ausgerechnet jetzt, wo die strengen Tugend- und Keuschheitsregeln der Karaoke aufgehoben sind!

Sündigen ist ab sofort erlaubt. – aber wer ist überhaupt noch in der Lage zu sündigen? Mit Buddha gäbe es keinen Konflikt. Der sieht ja nichts, weil es dunkel ist bis 05:30 Uhr.

Jetzt dürfte der Bär steppen – aber meistens stolpert er, denn bei den Ladys erkennt man erst jetzt 2 Arten von Darstellerinnen:

Die einen gehen überhaupt nicht mit Besuchern, weil sie ihre echt kambodschanische Tugend (Srey Laor) auch nach Feierabend bewahren und in der Karaoke unter Aufsicht der Mamasan schlafen gehen – meist auf dem Fußboden. Sie winken freundlich und verziehen sich in die Hütte.

Die anderen würden zwar mitgehen, können aber nicht –

Die Einen wegen Promille- oder biologisch bedingter Indisponiertheit – die Anderen wegen mangelnder Nachfrage.

In Sachen Nachfrage genügt ein Blick auf die Körperhaltung der herumstehenden Männer, die noch übrig sind … wobei das Wort “herumstehend” den Sachverhalt recht schmeichelhaft umschreibt – und die “Körperhaltung” nur durch Abstützen an einem Pfosten der Hütte gewahrt wird. Dabei ist nicht immer ersichtlich, wer hier wen stützt.

Um Gesichtsverlusten vorzubeugen, wird zum Schein noch ein wenig palavert, wer wen wohin abzuschleppen gedenkt – zu welchen Konditionen und zu welcher Art gymnastischer Übungen. Nach außen hin signalisiert jede(r), er/sie sei noch zu jeder Schandtat fähig.

Selbst auf dem Boden sitzend mangels Standfestigkeit verhandelt ein junger Khmer noch mit 2 Ladys über ein bis 05:30 Uhr befristetes Leasingangebot für den Doppelpack mit Tatort Stundenhotel 3 Ecken weiter. Zu einer Einigung kommt es natürlich nicht – wie von allen Dreien von vornherein beabsichtigt. Man stelle sich vor, die Mädels wären auf sein Angebot eingegangen … ein programmiertes Fiasko! Der Junge wäre ihnen schon vorzeitig durch Sturz aus dem Tuk Tuk abhandengekommen – von seiner zu erwartenden Performance im Hotelzimmer ganz zu schweigen.

Die Ladys versuchen daher weitere Akquise bei denen, die noch mehr oder weniger aufrecht stehen können – vergeblich. Ihnen entschwinden die Umsatzerwartungen, den Männern die Erwartung der vorgezogenen Hochzeitsnacht, soweit sie sich an deren angedachte Details überhaupt noch erinnern können.

Bei so viel Aussichtslosigkeit nimmt nun keine(r) mehr das Spiel ernst. Die Mädels machen sich jetzt einen Spaß daraus, die Jungs wegen deren multipler Defizite “aufzuziehen”. Diese wiederum produzieren sich mit Möchtegern-Macho-Gesten und großzügigen Scheinangeboten.

Da wird schon mal aus Prestigegründen mit einem (oft falschen) Fuffziger gewedelt – wodurch das Wort “Scheinangebot” eine zusätzliche Bedeutung bekommt. Außerdem gilt das Zeigen des Geldscheins eher den eigenen Kumpels (“schaut mal her, was ich hier aufreißen könnte”) – und weniger den Mädels. Die wissen aber Bescheid und lachen ihn aus. Falschgeld verstößt gegen die Spielregeln und der Betrag wäre eh utopisch – zumindest für einen jungen Khmer. Der virtuelle Geldschein wandert daher zurück in die Tasche – zum Einsatz am nächsten Samstag in einer anderen Karaoke-Bar.

Die heutige Vorstellung neigt sich dem Ende entgegen. Sämtliche geplanten Hochzeitsnächte mussten leider ausfallen.

Zu sehen war jedoch eine großartige Komödie mit gekonnten Slapstick-Einlagen. Alle Darsteller haben eine perfekte Show abgeliefert – die Einen freiwillig, die Anderen unfreiwillig … Jede(r) auf eigene Art, liebenswert/naiv – wie große Kinder.

Das ganze Schauspiel hat – trotz gewaltiger Beteiligung von Alkohol – eine gewisse Form gewahrt. Es wurde nie besonders laut und kam ohne Fäkalien- oder sonstige Wörter aus südlichen Körperbereichen aus. Jede(r) hat das Gesicht gewahrt – sehr wichtig, weil man sich ja gelegentlich in ähnlicher Runde wiedersehen wird.

Wie vorhersehbar scheiterten alle Verhandlungen an den Realitäten des Lebens, die aber keiner zugibt: Den einen fehlte die nötige finanzielle Potenz, den anderen die physische, den meisten aber beides … ein klassischer Sieg des Alkohols über das Testosteron!

Fortsetzung folgt: “Rückfahrt von der Karaoke”

Bildquelle: http://www.siemreappost.com/

Posted in Sihanoukville.

5 Comments

  1. Hut ab! Sowas von verschmitztem Humor muss “unserem” Dorf-Genie erst mal Einer nachmachen können…
    Ich kichere vor mich hin -und muss es 2-3 mal durchlesen; -und es reinziehen was da eben wahr ist…

  2. @G.S. Das kann ich nur unterstreichen!

    Und an die Jungs in der Karaoke Street: wenn ihr die Erwartung ‘VOLLER Einsatz’ nochmals neu überdenkt, dann……. 😀 erspart das so manch böses Erwachen !! 🙂

  3. Ja, @Fritz, Du teilst Dein trauriges Schicksal mit Charly (bekannt aus Teil 3 ‘Die Karaoke-Lady’):-) Erschwerdend kommt hinzu, dass Karaoke-Besuche der Griesgrämigkeit erheblichen Schaden zufügen können, der bei Dir jedoch ausgeblieben ist 🙂
    Stell’ Dir vor, Du hättest lachen müssen…nicht auszudenken! 🙂

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